26mal anders - die Schweizer Kantone

Die Schweiz ist umgeben von EU-Staaten. Was macht das Land so anders als Österreich, Deutschland oder Frankreich? Worin unterscheidet sich das Leben im Thurgau von dem in Baden-Württemberg, in Graubünden von dem in Vorarlberg, das des Tessiners von dem des Norditalieners? Vielleicht in sehr viel weniger, als sich die verschiedenen Kantone in der Schweiz voneinander abgrenzen. Es scheint, als sehen sich Schweizer nicht nur gern als extraeuropäisch im Sinne einer paneuropäischen Völkergemeinschaft.
Ist es beispielsweise für einen Sachsen nicht so wichtig, ob er in Sachsen oder in Niedersachsen wohnt, spielt der Heimatkanton für einen Schweizer eine weitaus größere Rolle. Der eigene Kanton ist immer der besondere. Die anderen gibt es auch, aber das sind halt die anderen. Und wenn ein Berner seine Heimat lobt, machen Sie bloß nicht den Fehler, zu behaupten, Luzern sei genauso schön. Spricht ein Winterthurer in höchsten Tönen von Zuhause, kann man, nachdem man ihm beigepflichtet hat, vielleicht noch erwähnen, dass man selbst aus Köln kommt und es dort manchmal auch ganz nett ist, aber man sollte auf gar keinen Fall behaupten, dass Zürich ja auch schön und zudem noch größer ist, auch wenn man damit sagen will, dass die Schweiz reich an schönen Plätzen ist. Es könnte sein, dass man gründlich missverstanden wird.
Schuld ist der Schweizer Kantönligeist, der bei Wikipedia so umschrieben wird: „Kantönligeist bezeichnet eine als übertrieben empfundene Differenzierung der Identität, Mentalität und Politik zwischen den 26 Schweizer Kantonen. (…) Die Ursprünge dieses Phänomens liegen in den Eigenheiten jedes Kantons. So hat jeder Kanton seinen eigenen Dialektmix, seine eigene Verfassung und andere regionale Spezialitäten. Auf politischer Ebene liegen Kultur, Schulwesen, direkte Steuern, Gerichtswesen, Naturschutz, Heimatschutz und Strafvollzug heute noch teilweise in der Kompetenz jedes einzelnen Kantons.“ Ob die Differenzierung der Schweizer untereinander übertrieben ist, darüber sollte man sich als Außenstehender zunächst kein Urteil erlauben. Tatsache ist, dass es die Schweiz eigentlich 26mal gibt. Denn die Schweiz ist der wohl föderalistischste Ort der Welt, was sich auch im Selbstverständnis jedes einzelnen Kantons widerspiegelt. Das geht so weit, dass jeder Kanton seine eigenen Einkommenssteuersätze festlegen kann und dies auch tut. So zahlt man etwa auf ein Einkommen von 90.000 SFr in Lausanne 13 % kantonale Einkommensteuer, in Zug nur 5 %. Und spätestens hier wird dann auch dem Deutschen klar, warum der Zuger seine Stadt toll findet.
Es gibt in den meisten Kantonen Dinge, die besser sind als in den anderen. Wenn man dies berücksichtigt, haben Schweizer, fast egal woher sie stammen, meistens Recht, wenn sie behaupten, ihr Kanton sei etwas Besonderes innerhalb der Schweiz. Politisch pflegen die Schweizer jedoch auch auf Bundesebene die Kultur des Konsens. Bei Beschlüssen wird nach für alle verträglichen Lösungen gesucht. Doch auch das ist nicht immer der Weisheit letzter Schluss. Denn in der Schweiz geht tatsächlich aller Wille vom Volk aus. Das reicht vom Gemeindebeschluss über den Bürgerentscheid auf Kantonsebene bis zum Kippen ganzer Verfassungsteile per Volksentscheid. Eine direktere Demokratie als die der Schweizer wird man auf der Welt wohl vergebens suchen. Die Bundesversammlung kann beschließen, was sie will. 100.000 Schweizer reichen aus, um den Beschluss zu kippen und neu zur Diskussion zu stellen. So etwas geht auch auf kantonaler Ebene. Und natürlich auch in den Gemeinden. So ist es kaum noch ein Wunder, dass die Hälfte aller weltweiten Volksentscheide von Schweizern veranstaltet werden. Und dennoch, das tut der Spitzenstellung der Nation keinen Abbruch.
Unter der Dachmarke „Schweizerische Eidgenossenschaft“ treten die Kantone seit 1848 auf der Weltbühne an und haben mit den Dingen, die weltweit als „swissmade“ gelten, gemeinsam großen Erfolg. So großen gar, dass heute neben den 6 Millionen Schweizer Staatsbürgern noch 1,6 Millionen Nichtschweizer in der Schweiz leben und arbeiten. Gemeinsam haben sie es laut einer Studie des World Economic Forums auch 2009 wieder geschafft, den ersten Platz unter den wettbewerbsfähigsten Ländern der Erde zu belegen.
Die Schweiz in ein paar Zahlen im Vergleich zu Deutschland (Stand 12/2009): 183 Einwohner pro km², Deutschland: 231, Arbeitslosenquote 4 %, Deutschland: 7,5 %, Lebenserwartung der heute 40-Jährigen: 78 Jahre (Männer), 84 Jahre (Frauen), Deutschland: 76 Jahre (Männer), 82 Jahre (Frauen), Bruttosozialprodukt pro Einwohner: 43.600,- €, Deutschland 30.100,- €, Pro Kopf Einkommen (umgerechnet): 46.000,- €, Deutschland 42.000,- €.