Unaufdringliches Nebeneinander

Freundlich aber unverbindlich – so sind die Eidgenossen aus der Sicht der Deutschen. Was nach Klischee klingt, findet sich in vielen Berichten der Interviewpartner zu diesem Buch. Auch Kathrin Neumann hat ihre Erfahrungen mit der Offenheit der Schweizer im Alltag gemacht.
„Am Anfang war ich begeistert. Alle sind so höflich und hilfsbereit hier, selbst die Beamten! Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, warum ich mich trotzdem seltsam ,ungesehen‘ fühlte: Keiner redet wirklich mit einem. Die Höflichkeit bleibt immer professionell, es wird daraus kein persönliches Gespräch. ,Klönsnack‘ findet hier nicht statt.“ Richtig bewusst wurde Neumann das bei einem kurzen Ausflug nach Österreich: „Kaum hat man die Grenze überschritten, wird man wieder angeflirtet, die Konditorin erzählt begeistert, welche Keksrezepte sie von ihrer Großmutter hat, der Postbeamte beglückwünscht mich, so hervorragendes Kaiserwetter mitgebracht zu haben. Ein paar Tage später in Berlin, entspinnt sich ein amüsanter Dialog mit dem Busfahrer, kaum dass ich das Flughafenterminal verlassen habe. Als ich mein Hotel nicht auf Anhieb finde, werde ich vom Kneipier nebenan auf einen Kaffee eingeladen. Diese Dinge passieren mir in der Schweiz nie. Da bekomme ich in schlechten Momenten manchmal das Gefühl, unsichtbar zu sein.“ Doch wie ist es mit Schweizern, mit denen man vielleicht auch mal mehr zu tun hat? Neumann: „Als ich in meine neue Wohnung in Zürich zog, wollte ich mich – ganz ordentlich – bei meinen Nachbarn vorstellen, aber niemand öffnete mir die Tür. Hätte ich das schriftlich machen sollen? Ein Nachbar beschwerte sich nach einer Party schriftlich (via Briefkasten) bei mir, es sei so laut gewesen. Warum hat er nicht an der Tür geklopft?“ Gegenfrage: Wie hat die Lüneburgerin sich auf die Schweizer vorbereitet? „Ich habe unter anderem ,Die Schweiz für Deutsche‘ und ,Kulturschock Schweiz‘ gelesen. Das klang alles schon sehr fremd für mich als Norddeutsche. Ich habe dann gedacht: ,Na, die übertreiben doch, diese Klischees, das kennt man ja‘ – aber vieles davon ist doch nah an der Realität, z. B. das völlig andere Kommunikationsverhalten. Oder auch die Tatsache, dass es extrem lange dauert, bis Schweizer jemand Neues in ihren privaten Umkreis hineinlassen.“ Die Theorie der Kommunikationsberaterin ist, dass die Schweizer das nie nötig hatten und daher nicht geübt darin sind. „Die meisten werden in der DeutschSchweiz geboren, gehen hier zur Schule, zur Uni und zur Arbeit. Oft in derselben Stadt. Sie haben ihre familiären Netzwerke oftmals seit der Kindheit. Ich dagegen bin in meinem Leben schon so oft umgezogen, musste schon x-mal neue Freundeskreise aufbauen. Ich verstehe mich natürlich deshalb auf Anhieb mit Menschen, die einen ähnlichen Hintergrund haben und auf der Suche nach Anschluss sind.“ Die Schweizer Kleinräumigkeit ermögliche es eher als in Deutschland, enge geographische Verbindungen aufrechtzuerhalten, ist ihre Erklärung. Katrin Neumann beschreibt, was ihr in der Schweiz fehlt: „Die ungehemmte Art der Berliner oder der Bayern, fremde Leute von der Seite anzuquatschen oder in der Kneipe Freundschaft zu schließen. Die blöden Sprüche der Norddeutschen. Die klaren Ansagen. Die direkte Kommunikation. Das hemmungslose Ausbreiten seines Privatlebens am Handy in einer vollbesetzten Berliner U-Bahn und die Kommentare der Mitreisenden“, sagt sie lachend. So mancher Andere würde die Schweiz für diese Defizite lieben! Doch auch die 35-Jährige lebt gern dort. Vor allem wegen der Bergsportmöglichkeiten, wegen der sie 2008 nach Zürich gezogen ist. „Das erste Mal mit dem Zug zum Skifahren – und ich bin nicht allein! Im Gegenteil, die Tram samstagmorgens um sechs ist vollgepackt mit Menschen in Ski- und Snowboardstiefeln, als wäre das völlig normal!“, freut sich Neumann, „in Frankfurt oder Berlin haben mich alle für verrückt gehalten, dass ich Bergsteigen gehe.“ Und sie sieht auch sonst meistens Vorteile: „Die Bürokratie ist ein Traum, das öffentliche Verkehrsnetz auch. Der Sommer am See ist unschlagbar, es gibt unglaublich schöne Landschaften und Städte hier, unglaublich viel zu sehen und der Alltag ist extrem problemlos.“