Schweizerdeutsch ist kein Dialekt

Die Vielfalt der Schweiz stellt sich neben den Eigenheiten der Kantone noch viel mehr durch die sprachliche Vielfalt in den Landesteilen dar. Da sind zunächst die vier Amtssprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Im jeweiligen Sprachgebiet machen dann unzählige Dialekte die Vielfalt (oder auch die Verwirrung) komplett. Ein Züricher hätte selber größte Mühe, einen Bergdörfler aus der Innerschweiz zu verstehen. Das ist ungefähr so wie Hochdeutsch und Oberbayrisch. Aber auch innerhalb der Sprachgebiete gibt es Stallgeruch: Züritüütsch klingt anders als Bärndütsch, und wer glaubt, mit Basler Dialekt in Luzern unerkannt zu bleiben, irrt gewaltig. Was wir in der Ricola-Werbung hören, hat gar nichts mit helvetischer Muttersprache zu tun. Und vor allem: Schweizerdeutsch ist kein Dialekt des Hochdeutschen. Es ist Teil der Identität eines jeden im deutschsprachigen Teil aufgewachsenen Schweizers.
Und nun? Soll man Schwizerdütsch lernen? Muss man gar den lokalen Dialekt beherrschen, um bei ihnen anzukommen? Oder reicht verstehen? Kann ein Berliner das „chch“ in der Aussprache überhaupt lernen? Sollte man es wenigstens versuchen? Die Mehrheit der Befragten rät ab, begegnet der Sprachvielfalt aber mit Achtung.
„Nach zehn Jahren Schweiz kämpfe ich immer noch mit der Sprache. Besonders Lebensmittel heißen hier anders und es gibt wohl kein Wörterbuch hierfür. Mangold heißt Kautstiele, Karotten heißen Rübli, Feldsalat heißt Nüsslisalat und was Radiccio heißt, das weiß ich immer noch nicht. Aber Topf heißt Pfanne, und Pfanne ebenfalls Pfanne. Ich bin der Meinung, dass man Schwizerdütsch nicht lernen kann. Man kann es nur versuchen und sich lächerlich machen. Denn mit einem Dialekt dieser Sprache muss man aufwachsen, man kann ihn nicht lernen. Schweizer hören, in dem Moment, wo jemand ,Gruezi‘ sagt, aus welcher Ortschaft er kommt. Und das hören sie auch bei uns. Wenn man als Deutscher punkten kann, dann höchstens mit dem eigenen Dialekt. Das ist für Schweizer authentisch. Sich dagegen in der Kneipe darüber zu amüsieren, dass ein Führerschein hier Führerausweis heißt, schmeichelt unseren Gastgerbern nicht. Denn auch wenn wir ihre Sprache oft nicht verstehen – sie verstehen, was wir sagen.“
Nelli Hoerner, Zürich
„Dringend abraten würde ich von den im Augenblick sehr populären ,Sprachkursen für Deutsche‘, in denen strebsame Germanen versuchen, sich das Schweizerdeutsch anzueignen, um von den Schweizern besser aufgenommen zu werden. Der gegenteilige Effekt ist der Fall: Meist wird der klägliche Versuch, die Dialekte zu imitieren, von den Schweizern nicht begrüßt.“
Chris Hartmann, Zürich
„So, wie der Kabarettist Emil Steinberger spricht, wenn er in Deutschland auftritt – das ist kein Schweizerdeutsch, sondern ein Schweizer, der Hochdeutsch spricht!“
Stephanie Schmid, Emmental
„Klar, es gibt gewisse Worte, die gewöhnt man sich schnell an. Aber ich habe schon Deutsche reden gehört, die der Meinung waren, sie könnten Schwizerdütsch. Da wurde mir klar, dass man es erst reden sollte, wenn man es wirklich kann, bevor man sich lächerlich macht und die Leute so eher vor den Kopf stößt, als beeindruckt.“
Heiko Blumentritt, Balgach
„Ich habe es mir abgewöhnt, diese Sprache sprechen zu wollen. Denn ich denke, dass es eher zur Belustigung der Allgemeinheit dient, wenn eine Deutsche hier versucht, Mundart zu reden.“
Melanie Knobelspies, Zürich
„Den Dialekt verstehe ich problemlos – ich spreche ihn aber nicht. Teilweise wurde ich gefragt, ob ich das nicht lernen will. Auf meine Bedenken, dass dies dann künstlich und nicht mehr gut ,tönen‘ würde, wurde immer mit viel Respekt reagiert. Man hat mir danach das Feedback gegeben, dass man gut finde, wie ich das handhabe.“
Olaf Melber, Bern
„Ich habe meine eigene Sprache entwickelt. Die Schweizer belächeln mich, die Deutschen finden es grauenvoll: Hochdeutsch, Badisch, Schwäbisch, Schweizerdeutsch, und das alles vermischt. Manchmal wirklich grauenhaft, aber schön!“
Wolfgang Pietzek, Schaffhausen
„Ich habe noch einige Probleme mit der Mundart. Aber das ist ja ähnlich wie in Deutschland, wenn man z. B. als Urbayer an die Küste oder nach Berlin zieht, und wird sich schon geben. Ich bitte daher die Leute, dass sie ruhig weiter mit mir Schweizerdeutsch reden.“
Fred Apostel, Zürich
„Man könnte den Eindruck gewinnen, dass das größte Problem der Schweizer ihre Sprache ist. Sie haben eher Hemmungen, Hochdeutsch zu reden, obwohl es ja auch die Schriftsprache ist. Sie hängen enorm an ihrem Dialekt. Meine Schwester studierte Deutsch in Frankreich und hat festgestellt, dass die Schweizer Dialekte im 13./14. Jahrhundert stecken geblieben sind. Die Schweizer halten gerne an Altem, Gewohntem fest. Und die Bemerkung ,das haben wir immer so gemacht‘ hört man häufiger.“
Christine Gevelhoff, Zofingen
„Mich beschäftigt eher die Frage: Warum sprechen die Schweizer mit uns immer Hochdeutsch?“
Daniela Fritzsche, Zürich
Abschließend noch eine Empfehlung von Thomas Küng aus seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Schweiz“ (Piper): „Nehmen Sie das Schweizerdeutsche zuallererst als eine Fremdsprache, und es wir Ihnen sogleich weniger befremdlich erscheinen. Zum Erlernen einer Fremdsprache gehören nun einmal Vokabeln, und die sind anders als die eigenen Wörter, auch wenn sie oft ähnlich klingen.“