Der Schweizer Konjunktiv

Obwohl wir direkte Nachbarn sind, gibt es einige Unterschiede zwischen Schweizern und Deutschen. Die gibt es auch zwischen Rheinländern und Westfalen, ebenso wie zwischen Zürchern und Bernern. Doch es gibt grundsätzliche Unterschiede im Miteinander von Schweizern verglichen mit den Deutschen, die manchen Eidgenossen als laut, plump und unhöflich gelten. Hier zwei Ansätze, die dieses Bild vielleicht erklären.
Zum einen kann man auf einen ersten Blick quasi behaupten, der Schweizer interagiert im Konjunktiv, während der Deutsche sich meist im Indikativ bewegt. Der Deutsche „will“, der Schweizer „würde“. Der Deutsche „kann“, ein Schweizer „könnte“, und wenn der Deutsche „muss“, dann „sollte“ der Schweizer „eventuell“. Dennoch meint er schon das Gleiche.
Zum anderen fehlt Deutschen meist komplett das Verständnis für die helvetischen Rituale im verbalen Alltagsmiteinander. Schweizer beenden Sätze oft mit einem „oder?“ – das ist keine dialektische Mutation ohne Sinn, wie etwa das westfälische „nichwahr“ – nein, das „oder?“ ist ein sehr wichtiger Platzhalter für: „Dies ist meine Meinung, aber sie ist nicht absolut oder einzig richtig, es gibt viele andere, was wäre deine Meinung?“ Diese Mitteilung ist dem Schweizer mindestens ebenso wichtig wie der Grund eines Gesprächs an sich. Denn der Schweizer legt allergrößten Wert auf Konsens. Nun ist eine solche Kommunikation dem gemeinen Teutonen vielleicht nicht total fremd, aber von Haus aus kommuniziert der eher im Stil eines Wettbewerbs um die (den Gesprächspartner) schlagenden Argumente.
Stellen Sie sich eine Firma vor, die ein neues Produkt herausgebracht hat, das sich am Markt absolut nicht behaupten kann und stetig Verluste produziert. Ein echter Flop. Es besteht dringend Handlungsbedarf, sonst ist die Firma als Ganzes gefährdet. Der Chef lädt die verantwortlichen Abteilungsleiter zum Meeting. Er möchte Lösungen. Ist der Chef ein Schweizer, dann würde er die Runde vielleicht so eröffnen: „Lieber Urs, lieber Reto, lieber Max, lieber Hermann, lieber Ueli, lieber Fred. (Das geht so lange, bis wirklich jeder im Raum persönlich begrüßt ist). Wir hatten ein Memo mit den aktuellen Kennzahlen zum Erfolg des neuen Produkts verteilt. Hattet ihr schon Zeit, es zu lesen?“ Allgemeine Zustimmung. „Sehr schön. Ich weiß, wir haben alle momentan viel zu tun. Wie Ihr vielleicht schon wisst, haben wir die geplante Absatzmarke für das neue Produkt bisher noch nicht ganz erreicht. Hättet ihr eventuell Vorschläge oder Ideen, wie wir hier vielleicht etwas verbessern könnten?“ Einer der Mitarbeiter ergreift das Wort. Vorher hat er in die Runde geschaut und sich vergewissert, dass kein anderer etwas sagen wollte, dem er dann natürlich den Vortritt gelassen hätte. Er erläutert seine Idee, in der es darum geht, dass man vielleicht die Werbeplanung noch einmal einer Prüfung unterziehen könnte und es eventuell Sinn ergeben würde, dann in Abstimmung mit dem Marketing und der Finanzabteilung vielleicht über ein anderes Budget hierfür nachzudenken. Als er ausgeredet hat, blickt der Chef in die Runde, ob weitere Meldungen kommen. Nach einer Sekunde der Stille ergreift er wieder das Wort. „Das klingt nach einem guten Ansatz, Ueli. Vielleicht könntest du das in die Hand nehmen und dich gemeinsam mit Marketing und Buchhaltung der Sache annehmen. Möchte noch jemand das Projekt unterstützen?“, Blick in die Runde, Reto hebt die Hand. „Sehr schön. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir zu einem für alle positiven Ergebnis kommen werden. Könnt ihr mir in ein paar Tagen eine erste Rückmeldungen geben?“
Der deutsche Mitarbeiter an diesem Tisch würde jetzt vielleicht denken: „Na, der ist ja ganz entspannt. Scheint wohl nicht so schlimm zu sein, dass das Absatzminus so groß ist. Mal sehen, ob uns noch was Brauchbares einfällt.“ Der Schweizer Kollege hingegen weiß ganz genau, dass von jedem Beteiligten jetzt 200 % erwartet werden, und zwar so schnell wie möglich, sonst sieht es böse aus für die Firma, denn der Chef hat gerade seine wichtigsten Mitarbeiter zusammengetrommelt und ihnen ein Ultimatum gestellt!
Wäre der Chef allerdings ein Deutscher, dann hätte er die Ansprache eher so gehalten: „Meine Herren, ich mache es kurz. Für die neue Produktlinie ist es fünf vor zwölf. Der Absatz entspricht absolut nicht den Vorgaben. Ich erwarte von Ihnen innerhalb einer Woche konkrete Vorschläge, wie wir das ändern. Andernfalls müssen wir das Produkt vom Markt nehmen. Was das dann für Sie bedeutet, können Sie sich denken. Und jetzt: An die Arbeit, Herrschaften.“
Als Deutscher würde man sich nichts weiter dabei denken, wüsste allerdings, dass langsam was passieren muss. Ein Schweizer hingegen würde sich fühlen, als sei er gerade gefeuert worden, und vermutlich schon mal nach einem neuen Job suchen.
Auch die Rituale einer Kommunikation im Alltag können für unvorbereitete Deutsche die reinsten Tretminen werden. In der Schweiz ist selbst das Bestellen eines Kaffees nicht mit „Herr Ober, ich hätte gern einen Kaffee“ abgetan. Deshalb können Deutsche in der Schweiz quasi mit jeder Frage, jeder Antwort oder so einfachen Handlungen wie dem Bestellen von Getränken jederzeit in unzählige Fallen laufen. Meistens würde sich ein Deutscher nur wundern, warum die gefühlte Höflichkeit des Gegenübers nach einem teutonischen Wortbeitrag merkbar nachlässt, käm aber gar nicht darauf, dass er mit einem einfachen und in der Heimat völlig üblichen „Drei Normale und die Zeitung“ gerade die Bäckersfrau und die anderen Kunden davon in Kenntnis gesetzt hat, dass er erstens Deutscher und zweitens genauso unhöflich wie die anderen Deutschen auch ist.
Schweizer betreiben Kommunikation nicht nur als Mittel, um Handlungen zu erledigen oder Informationen auszutauschen. Es gibt in der Kommunikation von Schweizern fast immer einen Subtext, der rituell abgearbeitet wird. Dieser Subtext besteht aus einer Einleitung, einem Höflichkeitspart, dem informativen Hauptteil der Kommunikation und dem Abschluss des Gesprächs.
Am Kiosk im Zürcher Hauptbahnhof gibt es Zeitungen, Getränke und Tabakwaren. Während ein Verkaufsgespräch an einem Kiosk in Hannover mit den einfachen Sätzen „Ne Bild und zwei Luckys Filter, bitte“ –
„9 Euro 80“ – „Bitte“ – „Danke“ – „Tschüss“ – „Tschüss“ erledigt wäre, nimmt sich der Schweizer dafür wesentlich mehr Zeit und Aufmerksamkeit. Und das geht (der Verständlichkeit halber ins Deutsche übertragen) etwa so: „Grüezi“ – „Grüezi, was darf es sein?“ – „Haben Sie den Blick?“ – „Ja, hier bitte!“, kurze Pause, „Darf es sonst noch etwas sein?“ – „Ja, gerne, haben Sie Luckys mit Filter?“ – „Ja, wie viele möchten Sie?“ – „Könnte ich zwei Schachteln haben?“ – „Gerne, hier bitte, sonst noch etwas?“ – „Nein, danke, das wäre alles“ – „Das macht dann 15 Franken“ – „Könnte ich Ihnen einen 50er geben?“ – „Kein Problem, darf es eine Tüte sein?“ – „Sehr freundlich, danke!“ – „Dann noch ein schönes Wochenende!“ – „Danke, Ihnen ebenfalls ein schönes Wochenende!“ – „Danke, auf Wiedersehen!“ – „Auf Wiedersehen!“
Sie sehen: Der Schweizer Kunde fällt niemals mit der Tür ins Haus. Nach der Begrüßung gibt er dem Gegenüber zunächst Gelegenheit, den Gruß zu erwidern. Er gibt dem Verkäufer die Chance, zu fragen, was der für ihn tun kann. Dann erkundigt er sich, ob der Zeitungsverkäufer auch tatsächlich die Zeitung hat, die er möchte – selbst wenn sie unübersehbar vor seiner Nase liegt. Und um den Verkäufer keinesfalls zu verwirren, wird jedes Teil seiner Wunschliste einzeln abgearbeitet. Immer schön der Reihe nach. Ist man komplett, wünscht man ihm noch einen schönen Tag, schönen Abend oder schönes Wochenende – natürlich nicht ohne dessen Erwiderung abzuwarten, bevor man sich verabschiedet. Und selbst wenn der Kunde seine Zeitung seit Jahren jeden Tag dort kauft, wird dieses Ritual genauso ablaufen.
Ob es den beiden wirklich daran gelegen ist, dass der Andere ein schönes Wochenende hat, muss man nicht so ernst nehmen. Darum geht es nicht. Es geht rein um das Ritual. Das, was hängen bleibt, ist ein freundlicheres Miteinander im Alltag, egal wie verregnet der Dienstagmorgen ist oder ob man mit dem falschen Fuß aufgestanden ist. Man könnte es auch praktizierte Lebensqualität nennen.
„Sehr angenehm empfinde ich die Art und Weise des Miteinanderumgehens. Höflichkeit steht viel mehr im Vordergrund als in Deutschland. Aggressionen werden weniger ausgelebt. Öffenliches Anschreien ist gar verpönt. Selbst die Reklamation eines Schadens oder einer minderwertigen Dienstleistung ist dem Schweizer eher unangenehm.“
Oliver Dross, Kt. Zürich