Deutsche mit Natzi-Hemden
Martin Stork ist Unternehmensberater in einer Schweizer Unternehmensberatung. Sein Weg in die Schweiz begann jedoch über Umwege. „Ein Schweizer Großunternehmen hatte eine Stelle in der Frankfurter Allgemeinen inseriert. Ich bewarb mich um diese Position und nach zwei Gesprächsrunden nahm die eventuelle Arbeitsaufnahme konkretere Züge an. Ich begann, mich mit der Schweiz als Wohnort zu beschäftigen. Doch dann zerschlug sich das Angebot wegen interner Umstrukturierungen. Dennoch hielt ich nun auch auf Schweizer Internetplattformen nach beruflichen Herausforderungen Ausschau. Sowohl für meine Frau als auch für mich war es in der Boomphase 2006 – 2007 recht einfach, bereits nach kurzer Zeit gute Jobs zu finden“, weiß Stork zu berichten. Seit der Finanzkrise 2008 ist der Arbeitsmarkt jedoch auch in der Schweiz schwieriger geworden. Seine Frau stammt aus Brasilien und arbeitet als Lehrerin an einer internationalen Schule. „Daher ist unser Bekanntenkreis sehr gemischt. Im Job dagegen habe ich es nur mit Schweizern zu tun. Und die erlebe ich durchweg offen und positiv. Als Unternehmensberater lebt man natürlich auch von regen Interaktionen. Die Schweizer sind sehr gut drauf, das belegen Statistiken über den subjektiven Gemütszustand von Nationen. Ich empfinde die Freundlichkeit der Schweizer auch überhaupt nicht als oberflächlich. Es ist einfach eine andere Form, dem Gegenüber, auch dem fremden Gegenüber, zu begegnen. Es bedeutet freilich nicht gleich, dass da eine tiefe Freundschaft entsteht. Ich denke, gerade wir Deutschen haben hier manchmal ein Problem. Wir entstammen einer recht direkten Kultur. Vielleicht verwechselt so mancher deshalb Fröhlichkeit und Freundlichkeit mit einem Freundschaftsangebot, das de facto nie existent war, und ist deshalb im Nachhinein enttäuscht. Doch auch die verallgemeinernde Einstellung mancher Deutscher „Schweizversteher“, die nur noch in den Kategorien „Schweizer“, „Deutsche“, „Rest“ denken, ist wirklich unnötig.“ Zur Integration absolvierte Martin Stork in der Migros Clubschule Mundart. „Nur um zu verstehen!“, versichert Stork, denn „Ausländer, die versuchen Mundart zu reden, kommen hier so gut an wie Preußen auf dem Oktoberfest, die sich auf Bayerisch versuchen.“
Apropos Ankommen – Martin Stork erinnert sich gern an eine Episode während der EM 2008: „Lustig war ein Schweizer Radiomoderator während des Viertelfinalspiels Portugal–Deutschland. Der moderierte in etwa so: ,Ja, meine Damen und Herren, es sind bereits tausende Deutsche mit ihren Natzi-Hemden über die Grenze zu uns nach Basel gekommen …‘ – Da hat man sich erstmal erschrocken!“ Was sich zunächst anhört wie der Einmarsch von Deutschen in Braunen Hemden, ist jedoch ganz harmlos: Die Schweizer nennen ihre Nationalmannschaft gern auch ihre „Natzi“. Eine simple Abkürzung und praktisch für den Schlachtruf „Schwiizer Natzi olé, olé“, wobei das komplette Wort Nationalmannschaft da eher die Gesangsmelodie verfärben würde. So haben also auch „tausend Deutsche mit ihren Natzi-Hemden“ nichts mit dem braunen Herrn aus Österreich zu tun, sondern schlicht mit Fußball.