Feste schnufa!

Sebastian Thormann ist noch nicht lange Assistenzarzt im Luzerner Kantonsspital, als er in den Schockraum gerufen wird. Der Patient ist ein verunglückter Mann aus den Bergen. Er scheint bewusstlos. Thormann spricht auf ihn ein. Der Schwerverletzte atmet nicht mehr. „Sie müssen Luft holen. Tief Luft holen …“ Keine Regung des Schweizers. Der Arzt wird lauter: „Luft holen, sie müssen atmen!“ aber der Mann reagiert nicht. Erst als Thormann verzweifelt ruft: „Schnufa, feste schnufa“, atmet der Schweizer tief ein. Thormann ist erleichtert. Und angekommen. Neben diesem außergewöhnlichen Erlebnis sind es die positiven Ereignisse, die überwiegen, fragt man Sebastian Thormann nach der Akzeptanz, die ihm von den Schweizer Patienten entgegengebracht wird. Vieles hängt vom eigenen Auftreten ab, ist sich der Dortmunder sicher. „Die Menschen sind dann freundlich und zugewandt. Viele fragen, wenn sie merken, dass man Deutscher ist, ob man auch Schwitzerdütsch versteht.“ Auf Rat von Kollegen, die bereits in der Schweiz tätig waren, kam der Arzt und ehemalige Leistungssportler 2007 nach Luzern. Nachdem er einige Zeit als Mediziner in England gearbeitet hatte, wollte er nicht wieder in eine Anstellung nach Deutschland zurück. Kurzfristig bewarb er sich bei einigen Spitälern, wobei er zunächst lernte, dass Assistenzstellen in der Schweiz recht langfristig verplant werden. Es regnete Absagen.
Thormann kannte Luzern durch seine Ruderkarriere und suchte ein großes Spital, jedoch keine Uniklinik. So war Luzern von Anfang an sein Favorit. „Um Luzern habe ich mich besonders bemüht. Letztlich zählt nur Eigeninitiative, und dadurch habe ich dann auch die Stelle bekommen. Nach einem persönlichen Gespräch kam der Anruf, ich solle am 1. April 2007 im Kantonsspital anfangen. Weiter brauchte ich mich um fast nichts zu kümmern. Der Ausländerausweis wurde vom Spital beantragt, und da ich in Luzern Bekannte hatte, musste ich zunächst auch keine Wohnung suchen. Manche Dinge, etwa Konto, Kreditkarte und Telefonvertrag waren allerdings aufgrund meiner L-Bewilligung etwas schwierig. Und natürlich war die Verständigung anfangs schwer. Doch das sollte niemanden abschrecken. Ich habe mich schon nach wenigen Wochen gut eingelebt. Insgesamt hat Luzern eine hohe Dichte an deutschen Ärzten und ich bin mit offenen Armen empfangen worden.“
Der Alltag des Assistenzarztes ist jedoch auch im Heidiland kein Zuckerschlecken. Der Verwaltungsaufwand ist sehr hoch. „Wenn ich zusammenrechne, wie viel Zeit ich täglich mit Patienten verbringe und wie viel ich an Rechner, Schreibtisch, Telefon sitze, um das Ganze zu verwalten, dann lehnt sich das System auch hier mehr und mehr zu Gunsten von Bürokratie und Nebenarbeiten. Papierkrieg und administrative Aufgaben, die eigentlich von Sekretärinnen und Hilfskräften erledigt werden könnten, werden auf die Assistenten abgewälzt. Es ist eben so, dass meine Arbeitszeit billiger ist als die einer Sekretärin. Die Lobby der Assistenzärzte ist auch hier nahe dem Boden und somit ist man das schwächste Glied der Kette. Hier ließe sich noch vieles ändern und damit auch die Pflege und Versorgung der Patienten verbessern. De facto haben wir eine 50-Stunden-Woche bei 20 Tagen Urlaub. Wie in Deutschland leisten auch hier die Assistenzärzte einiges mehr an Arbeitsstunden. Ohne Bezahlung und ohne Anspruch auf Kompensation. Weiterbildung läuft da nur nebenher, in der Freizeit und oft auf eigene Kosten. Gut, man verdient mehr als in Deutschland, aber die Lebenshaltungskosten sind auch höher.“ Doch klagen will Thormann auf keinen Fall. Medizin auf hohem Niveau und der Bedarf an Fachkräften reizen ihn. „Alles in allem bin ich einfach froh, hier zu sein. Ich könnte mir vorstellen, auch als niedergelassener Arzt in der Schweiz zu bleiben.“ Das Freizügigkeitsabkommen zwischen EU und CH hat es ihm einfach gemacht. Schwieriger gestaltet sich der Nachzug seiner kanadischen Lebensgefährtin. Auch als Akademikerin ist sie von der Zuzugsreglementierung für Menschen aus Nicht-EU-Staaten betroffen.