Im Boot sitzen und Berge sehen
Nach der Ausbildung internationale Erfahrung zu sammeln, war die Motivation von Petra Meier*. Um dabei den Kontakt mit der Familie nicht zu verlieren, entschied sich die Hotelfachfrau zunächst für die Nachbarländer Österreich und Schweiz. Aus dem großen Stellenangebot im Hotelbereich filterte sie 30 interessante Offerten, alle aus dem 4-Sterne-Bereich. Aus den immerhin 15 Einladungen zum Vorstellungsgespräch sortierte die junge Frau nochmals die besten Lagen und so blieben schließlich sieben Erste Häuser in Wien, Innsbruck und Zürich. Von der Deutschen Arbeitsagentur, die der gut Ausgebildeten neben ein paar regionalen Stellen höchstens einen Job als Saison-Servicekraft an der Nordsee hätte anbieten können, bekam sie – auf Anfrage – einen Teil der Reisekosten erstattet. So wurde aus der Jobsuche eine dreitägige Rundreise. Ergebnis: mehrere konkrete Stellenangebote, eines davon in Zürich. Vom Marriott-Hotel im Norden der Stadt war die 21-Jährige sofort begeistert. Die junge Mannschaft, ein kompetenter Chef, die Vorteile einer weltweiten Kette, dazu Zürich als Metropole. Der Abschied von Hameln fiel da nicht schwer.
Auch finanziell wurde Meier der Gang ins Ausland leicht gemacht. „In Deutschland hätte ich im ersten Anstellungsjahr etwa 1050,- € Netto verdient. Hier bekomme ich gut 3000,- Sfr, etwa 1800,- €. Die Arbeitszeiten sind vergleichbar, mit dem Unterschied, dass Überstunden hier in der Schweiz ausgeglichen oder bezahlt werden. In Deutschland ist es schon in der Ausbildung und auch danach gang und gäbe, dass Überstunden nicht vergütet werden“, weiß die Hotelfachfrau.
Nach den ersten Tagen im Job kam bald die Ernüchterung. Kontakte blieben oberflächlich, Meier fühlte sich nicht wirklich willkommen. „Dort, wo ich zuvor gearbeitet hatte, wurden neue Kollegen mehr integriert, einfach mitgenommen. Ich lernte, dass im Hotelfach vor allem in Zürich ein großes Kommen und
Gehen herrscht. Es gibt nur wenig Stammbelegschaft. Viele gehen für ein Jahr in die Schweiz, da richtet sich kaum jemand wirklich ein. Die neuen Kollegen waren nicht abweisend, doch alles blieb unverbindlich.“
Sie lernt, die Situation zu akzeptieren. Heute noch mal vor diese Situation gestellt, würde sie von Anfang an aktiver rangehen, um schneller Menschen und Stadt kennen zu lernen. Auch wenn das schlechte Bier und das Fehlen von Eisdielen in der Stadt sie stören, mittlerweile weiß Meier die Lebensqualität in Zürich zu schätzen: „Es fühlt sich toll an, in einem Boot zu sitzen und dabei auf Berge zu sehen. Man braucht nur ein wenig rauszufahren, um der absoluten Idylle und Natur zu begegnen. Ich fühle mich glücklich, wenn ich braune Kühe mit Glocken um den Hals sehe. Was die Lebensqualität hier steigert, sind die vielen Möglichkeiten: Skifahren, Segeln, Tandemspringen, Feiern, Reiten – alles kein Problem. Von meiner Heimatstadt Hameln sind es ein paar Stunden bis zum nächsten größeren See, zum Skifahren muss man nach Süddeutschland und alles muss man planen und organisieren. Hier fährt man raus und tut es einfach.“
Was die Deutsche nicht akzeptiert, sind Unfreundlichkeiten im Alltag. Nicht nur die Plakate der SVP stören sie. Im Baumarkt wird sie nicht bedient, auf Nachfrage heißt es: „Was erwarten Sie als Deutsche?“ – Meier beschwert sich per Mail, eine Antwort bleibt aus.
In einem Cafe versteht sie die Kassiererin nicht. Auf Nachfrage bekommt sie zur Antwort: „In Frankreich oder Belgien hätten Sie wohl auch erst die Landessprache gelernt, oder?“
Auch manche Nachbarn im Haus zeigen sich abweisend. Es gibt Beschwerden beim Vermieter, Meier sei „zu laut“, an Abenden, an denen sie im Hotel arbeitet. Besonders eifrige Hausbewohner überzeugen sich tief in der Materie, ob die Deutsche ihren Müll auch sorgfältig genug trennt. An ihren Waschtagen – jeder ist zu festen Zeiten dran – fällt die Waschmaschine wie von Geisterhand aus, um am nächsten Tag wieder zu funktionieren. Ein Gespräch mit dem Vermieter und Einschreiben an die Hausbewohner, in denen die junge Frau vorschlägt, die Lächerlichkeiten doch einfach einzustellen, zeigen Wirkung. „Seitdem ist es relativ ruhig“, freut sich Petra Meier, die sich ein Leben in der Schweiz eher vorstellen kann als in Deutschland.
*Name von der Redaktion geändert