Keine Zeit zu zweifeln
Deutsch oder Englisch als Landessprache war die Auflage, die Robert Nieberg von seiner Freundin bekam, als es nach dem Aufbaustudium zum Diplomkaufmann für die Berufserfahrung eine Weile ins Ausland gehen sollte. „So standen auch Kanada und Australien in der engeren Wahl, doch die Schweiz hat mich mehr gereizt, nicht zuletzt wegen der wahnsinnig schönen Landschaft!“
Die Jobaussichten in Deutschland haben ihm den Blick über den Tellerrand leicht gemacht. „Ich habe meinen Diplomkaufmann an der FH Hannover mit 1,7 abgeschlossen und doch bei rund 100 Bewerbungen nur sechs Vorstellungsgespräche gehabt. Als Kaufmännischer Mitarbeiter aus Deutschland hat man aber auch in der Schweiz gute Chancen, denn man beherrscht meist auch das Englische als Handelssprache Nr. 1. Viele Schweizer sprechen eher Italienisch oder Französisch.“
Nach dem Erstkontakt mit seinem heutigen Schweizer Arbeitgeber, der durch einen Freund entstand, war Robert Nieberg nicht mehr nur von der Landschaft, sondern auch vom Jobangebot und von der Schweizer Mentalität angetan. Und so ging es dann im Januar 2008 für den damals 25-Jährigen in den Kanton Luzern. „Ich hatte mich mit Büchern und den einschlägigen Internetforen ein wenig vorbereitet. Da ich aber parallel auch noch an meiner Diplomarbeit gearbeitet habe, hatte ich kaum Zeit, an irgendetwas zu zweifeln oder mich tiefgründiger mit der Umsiedelung zu beschäftigen. Der Umzug wurde dann vom neuen Arbeitgeber gezahlt und von einem Unternehmen durchgeführt. Das kann ich nur empfehlen! Man muss sich um Vieles nicht kümmern und auch der Zoll ist dank der Profis schnell erledigt!“, weiß Nieberg, der heute als Einkaufsleiter in einem Technischen Betrieb arbeitet.
„Die ersten Monate waren von diversen Erfahrungen gezeichnet, die mich rückblickend bestärken, das Richtige gemacht zu haben. Natürlich fehlte das gewohnte Umfeld, die Freunde und die Familie in der Heimat. Aber ich habe viele neue Menschen kennen gelernt. Und sowohl auf der Arbeit als auch im privaten Bereich wurde ich sehr nett aufgenommen. Im Job wird man als Mensch behandelt und nicht nur als Kapital- und Kostenfaktor. Überhaupt der Umgang miteinander: Hier ist es normal, dass man sich bei jeder Gelegenheit begrüßt oder verabschiedet, und das natürlich mit Namen. Ich habe erlebt, dass sich Schweizer auf den Schlips getreten fühlen, wegen eines ,Guten Morgen‘ anstatt ,Morgen Herr Müller‘. Doch wenn man das beachtet, ist alles gut.“
Am meisten bei der Integration geholfen hat dem Sportbegeisterten jedoch, dass er einen Handballverein gefunden hat: „Ich hatte damals einen frisch operierten Kreuzbandriss, merkte aber, dass mir der Sport sehr fehlte. Also schrieb ich diverse Vereine in der Umgebung an. Mein jetziger Verein meldete sich sofort und nach dem ersten Treffen war klar, dass es ,mein‘ Verein werden würde. Alle unterstützten mich und es gab einen individuellen Trainingsplan, so dass ich schnell wieder fit wurde. Heute kann ich sagen, es war die wohl beste Entscheidung, die ich in der Schweiz traf. Vereine sind enorm wichtig, um auch neben der Arbeit in der Schweiz ankommen zu können. Es wird dort viel leichter, Freundschaften zu knüpfen und die Umgebung besser kennen zu lernen. Alles in allem kann ich sagen, dass man sich zwar anpassen muss, weil die Mentalität doch eine andere ist. Die diversen negativen Sachen, die ich im Vorfeld in vielen Foren im Internet gelesen habe, kann ich aber nicht bestätigen. Vielleicht ist das in größeren Städten so, aber hier auf dem Land wird man einfach akzeptiert, wenn man sich freundlich verhält.“ Bei so viel Positivem wundert es nicht, dass auch die Freundin des Osnabrückers im Mai 2009 in die Schweiz ging, um als Lehrerin zu arbeiten.